Inhaltsverzeichnis
Als Leinsamen bezeichnet man die braunen Samen des Gemeinen Leins, auch Flachs genannt (Linum usitatissimum L.). Gelbe Samen heissen Gold-Leinsamen (Gold-Leinsaat). Beide sind in Bio- und Rohkostqualität verfügbar.
Verwendung in der Küche
Wie schmecken Leinsamen? Roh haben Leinsamen ein nussiges, allenfalls auch etwas öliges Aroma. Gold-Leinsamen schmecken milder. Der Geruch der kleinen, flachen Samen kann je nach Lagerung gewöhnungsbedürftig sein.
Leinsamen sind eine beliebte und sehr gesunde Müslizutat. Sie sind Bestandteil des glutenfreien und roh-veganen Erb-Müeslis, das auch Pseudocerealien, Samen und Goldhirse enthält. Probieren Sie auch die Variante Erb-Müesli plus Haferflocken. Man verwendet Leinsamen gerne in Backwaren, Brot oder Brötchen. Zu Leinmehl vermahlen, können sie zum Teil andere Mehle ersetzen. So lassen sich Cracker, Wraps, vegane Pfannkuchen und sogar Pizzateig aus Leinsamenschrot herstellen.
Kann ich Leinsamen roh essen? Leinsamen lassen sich gut roh essen. Sie quellen stark auf, daher nimmt man sie immer mit ausreichend Flüssigkeit zu sich. Entweder lässt man sie ganz, geschrotet oder gemahlen quellen (ein paar Stunden oder über Nacht) - über die Vorteile des Einweichens lesen Sie im Artikel zur Phytinsäure; oder, man isst sie direkt, dann jedoch idealerweise gemörsert oder zu Schrot vermahlen, um die enthaltenen Nährstoffe optimal zu nutzen. Da Leinsamen klein sind und eine harte Schale haben, die unser Körper unverdaut wieder ausscheidet, macht das Schroten wertvolle Omega-3-Fettsäuren (ALA), Ballaststoffe und Lignane besser zugänglich. Nach dem Schroten sind die Samen sehr oxidationsempfindlich, weshalb es ratsam ist, sie nicht mehr zu lagern, sondern gleich zu verzehren.
Erwachsene können 15-20 g Leinsamen pro Tag essen, was ca. 2 Esslöffeln entspricht.2,11 Regelmässig eingenommen reichen 10 g pro Tag aus, da diese Menge mehr als den Tagesbedarf an Omega-3 abdeckt (siehe Inhaltsstoffe - Nährwerte - Kalorien); wenn Sie ein gesundheitliches Ziel mit der Einnahme verfolgen, sollten Sie sich an empfohlene Höchstmengen halten (siehe Gefahren - Unverträglichkeiten - Nebenwirkungen). Kindern empfiehlt man kleinere Portionsgrössen - und diese vorwiegend gekocht. Kleinkinder sollten keine Leinsamen verzehren.
Für Suppen oder Smoothies liefern ganze oder geschrotete Leinsamen ein gesundes Topping. Lässt man ganze Samen einige Tage keimen, erhält man mit den Sprossen eine abwechslungsreiche, rohe Salatzutat. Es besteht auch die Möglichkeit, bestimmte Gerichte mit Leinsamen anzureichern. So erhalten Saucen, Aufläufe oder Reisgerichte mit der Leinsaat einen angenehm nussigen Geschmack. Für Leinsamen-Pudding (mit Mandelmilch, Hafermilch) eignen sich geschrotete Samen, die man mit Früchten wie Banane und Apfel verspeist.
In der veganen Ernährung sind gemahlene Leinsamen als Bindemittel ein willkommener Ei-Ersatz. Dafür mischt man die gemahlenen Samen mit drei Teilen Wasser.
Die zarten, weichen, ein wenig herb schmeckenden Blätter und Triebspitzen des Echten Leins begeistern als Rohkost-Zutat für Salate, Kräutermischungen oder Gemüsefüllungen.3
Veganes Rezept für Salat mit Leinsamen-Sprossen
Zutaten (für 2 Portionen): 2 EL Leinsamen (roh, bio), 1 Frühlingszwiebel, 100 g Cherry-Tomaten, 1 Avocado, 150 g gekochte schwarze Bohnen, 2 EL Leinöl, 2 EL Zitronensaft, 1 TL Senf, Salz, Pfeffer und frisches Basilikum.
Zubereitung: Leinsamen in einem Keimglas ca. 3 Tage lang keimen lassen und regelmässig mit frischem Wasser spülen. Frühlingszwiebel in feine Ringe schneiden, Cherry-Tomaten vierteln und zusammen mit dem Fruchtfleisch einer Avocado in eine Schüssel geben. Gekochte schwarze Bohnen dazugeben. Für das Dressing Leinöl, Zitronensaft und Senf verrühren. Mit Salz, Pfeffer und frischem Basilikum abschmecken und über den Salat verteilen. Den fertigen Salat mit den Sprossen garnieren und frisch geniessen.
Rezept für Leinsamen-Tee
Für die Zubereitung eines Leinsamen-Tees übergiesst man 2 gehäufte TL ganze Leinsamen mit 250 ml kaltem Wasser und lässt sie 20 Min. ziehen. Gelegentliches Umrühren sorgt dafür, dass die Leinsamen gut quellen können. Nach der Ziehzeit den Satz abseihen und den Leinsamen-Tee leicht erwärmt trinken. Die aufgequollenen Leinsamen kann man ins Müesli mischen.
Vegane Rezepte mit rohen Leinsamen finden Sie unter dem Hinweis: "Rezepte, die am meisten von dieser Zutat haben".
Nicht nur Veganer oder Vegetarier sollten das lesen: Veganer essen oft ungesund. Vermeidbare Ernährungsfehler. |
Einkauf - Lagerung
Leinsamen gibt es in gut sortierten Supermärkten wie Coop, Migros, Rewe, Billa, Spar oder Edeka zu kaufen. Übliche Verpackungseinheiten beinhalten zwischen 250 und 500 Gramm. Häufig kann man zwischen ganzen und geschroteten Leinsamen wählen. Bei Volg, Aldi, Lidl, Denner und Hofer sind Leinsamen vielfach nicht Teil des Dauersortiments. Gold-Leinsamen sind seltener in Supermärkten zu finden, sie sind vor allem in Reformhäusern, Drogerien, kleineren Bio-Läden und in Bio-Supermärkten wie Denn's Biomarkt oder Alnatura zu erwerben.
Im Geschäft sind Leinsamen ganzjährig verfügbar. Für ein rückstandsfreies Produkt empfehlen wir den Kauf aus kontrolliert biologischem Anbau.
Die Verfügbarkeit von Leinsamen ist je nach Grösse des Ladens, Einzugsgebiet etc. unterschiedlich. Unsere erfassten Lebensmittelpreise für die D-A-CH-Länder finden Sie oben unter dem Zutatenbild - und mit Klick deren Entwicklung bei verschiedenen Anbietern.
Wild zu finden
Echter Lein stammt gewöhnlich aus Kultur und tritt nur selten verwildert auf.3 Es handelt sich um eine einjährige, aufrechte, 80-120 cm hohe Pflanze mit schmalen, graugrünen, bis 2,5 cm langen Blättern. Aus den himmelblauen, manchmal auch weissen, tellerförmigen Sommerblüten entwickeln sich runde Samenkapseln.4 Die Hauptblütezeit des Leins liegt in den Monaten Juni bis August. Junge Blätter und Triebspitzen erntet man ab April bis Juni.3 Samen haben ab Ende Juli bis Mitte August Ernte-Saison.24
Beim Sammeln verschiedener Pflanzenteile von Lein besteht keine ausdrückliche Verwechslungsgefahr mit ähnlich aussehenden giftigen Pflanzen.
Tipps zur Lagerung
Leinsamen sollten Sie trocken und dunkel aufbewahren. Besonders geschrotete Leinsamen sind nicht lange haltbar. Diese sollte man spätestens nach einem halben Jahr verbrauchen. Im Supermarkt sind die geschroteten Leinsamen häufig mit einem Schutzgas behandelt und vakuumiert. Zu Hause gibt man sie aus der Plastikverpackung am besten in ein dunkles, luftdichtes Gefäss. Sofern möglich, sollte man ausschliesslich ganze Leinsamen kaufen und sie selbst bei Bedarf frisch schroten oder mahlen.
Ganze, getrocknete Leinsamen sind bis zu einem Jahr haltbar. Ob die Samen noch frisch sind, erkennt man generell daran, dass sie nussig und nicht bitter oder ranzig schmecken. Der Kühlschrank ist aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit als Lagerort ungeeignet.
Inhaltsstoffe - Nährwerte - Kalorien
100 g Leinsamen haben einen Energiewert von 534 kcal; der Anteil an Kohlenhydraten beträgt 29 g/100g, an Proteinen 18 g/100g.6 Sie sind reich an Fett (42 g/100g) und Ballaststoffen (27 g/100g).6
Das in Leinsamen enthaltene Öl (35-45 %) besteht zu 9-10 % aus gesättigten Fettsäuren (Palmitinsäure und Stearinsäure) und etwa zu 20 % aus einfach ungesättigten Fettsäuren (hauptsächlich Ölsäure).20 In 100 g Leinsamen stecken laut USDA 23 g mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren (Alpha-Linolensäure, ALA), die den Tagesbedarf (bei 2000 kcal) zu 1141 % decken.6 Manche Quellen postulieren für Alpha-Linolensäure sogar Fettanteile von bis zu 70 %.20 10 g Leinsaat am Tag liefern also mehr als 100 % des Tagesbedarfs an Omega-3-Fettsäuren. Übrigens weisen Leinsamen den höchsten Gehalt an dieser essenziellen Fettsäure bei Samen und Nüssen auf, gefolgt von Chiasamen (18 g/100g), Walnüssen (9,1 g/100g) und ungeschälten Hanfsamen (8,7 g/100g).6 Das Verhältnis zur Omega-6-Fettsäure (Linolsäure) (5,9 g/100g) gilt als hervorragend. Es beträgt, in traditioneller Reihenfolge zitiert (LA:ALA), 1:4.
Thiamin (Vitamin B1) ist mit 1,6 mg/100g sehr gut vertreten und deckt den Tagesbedarf zu 149 %. Weizenkeime (1,9 mg/100g) und Reisflocken (1,5 mg/100g) haben vergleichbare Werte. Noch mehr ist in Hefeflocken enthalten (41 mg/100g).6
Auch Mangan ist mit 2,5 mg/100g reichlich vorhanden (Tagesbedarf zu 124 % gedeckt), ähnlich wie bei Lupinenmehl oder Flohsamenschalen. Weizenkeime zeigen mit 13 mg einen weitaus höheren Wert.6
Leinsamen enthalten alle essenziellen Aminosäuren, wobei sie besonders reich an Tryptophan, Threonin und Isoleucin sind.6 Proteine von Leinsamen zeichnen sich durch einen hohen Verdaulichkeitskoeffizienten (89,6 %) und einen hohen biologischen Wert (77,4 %) aus.20
Die gesamten Inhaltsstoffe von rohen Leinsamen, die Abdeckung des Tagesbedarfs und Vergleichswerte mit anderen Zutaten finden Sie in unseren Nährstofftabellen. Im Artikel Nährstoffe umfassend erklärt bekommen Sie einen detaillierten Einblick in das Thema.
Wirkungen auf die Gesundheit
Sind Leinsamen gesund? Leinsamen sind roh eine reichhaltige Quelle für Omega-3-Fettsäuren (Alpha-Linolensäure), das Lignan Secoisolariciresinol-Diglucosid (SDG) und für Ballaststoffe. Diese Verbindungen unterstützen die Gesundheit durch ihre entzündungshemmende Wirkung, ihre antioxidative Kapazität und ihre lipidmodulierenden Eigenschaften.16 Aufgrund der ernährungsphysiologischen Vorteile diskutiert man Leinsamen als potenzielles 'functional food'.19
Das empfohlene Verhältnis zwischen Omega-6-Fettsäuren (Linolsäure, LA) und Omega-3-Fettsäuren liegt bei 5:1. Da Leinsamen besonders viel Omega-3 enthalten, ist es hier mit 1:4 beinahe umgekehrt und daher besonders vorteilhaft. Chia-Samen kommen diesem Verhältnis sehr nahe (1:3). Sonst haben praktisch alle Lebensmittel mehr entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäuren als Omega-3.
Ein gesunder Körper kann aus Omega-3-Fettsäuren entzündungshemmende Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) herstellen, jedoch bloss bei geringer Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren.7 Die mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren sind Ausgangssubstanzen für Strukturlipide der Zellmembranen. Sie sind wichtig für Gehirn, Nervenzellen, Knochen- und Hautgesundheit sowie für die Netzhaut der Augen. Sie spielen zudem eine wichtige Rolle bei Entzündungsprozessen.16
Sind Gold-Leinsamen oder braune Leinsamen gesünder? Studien zwischen 2001 und 2022 gelangen zu unterschiedlichen Resultaten, was darauf hindeutet, dass Umweltbedingungen wie Boden, Klima, Genetik, Herkunft und Entwicklungsstadium der Samen die Zusammensetzung und damit die antioxidativen Eigenschaften von Leinsamen beeinflussen. Die Unterschiede sind aber relativ gering, sodass es eigentlich keine Rolle spielt. Trotzdem führt dies dazu, dass jeder Lieferant das herauspicken kann, was in seine Verkaufsstrategie passt. Tendenziell haben braune Leinsamen eine stärkere antioxidative Wirkung als gelbe,28 auch weil Gold-Leinsamen etwas weniger Omega-3-Fettsäuren enthalten als braune Leinsamen.27,29 Dafür haben die gelben Samen etwas mehr entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäuren und Protein.29 Von letzteren beiden Inhaltsstoffen essen wir ohnehin zu viel. Da aber gelbe Leinsamen in den USA, vor allem in Norddakota und Süddakota, bevorzugt angebaut sind und der Hauptlieferant Kanada mehrheitlich braune Leinsamen produziert, verkauft man gelbe Leinsamen in den USA als wertvoller oder gesünder.1,18
Sekundäre Pflanzenstoffe
Viele gesundheitliche Wirkungen von Leinsamen kann man auf die enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe zurückführen. Unser Artikel über sekundäre Pflanzenstoffe bietet einen Überblick über die Klassifizierung der Stoffgruppen, das Vorkommen in Lebensmitteln und mögliche Wirkungen auf den Menschen.
Leinsamen enthalten u.a. folgende sekundäre Pflanzenstoffe:16,26,27
- Polyphenole: Phenolsäuren: Hydroxybenzoesäuren (Vanillinsäure, p-Hydroxybenzoesäure), Hydroxyzimtsäuren (Ferulasäure, Chlorogensäure, Cumarsäure, Kaffeesäure); Lignane (Pinoresinol, Matairesinol, Secoisolariciresinol, Secoisolariciresinol-Diglucosid, Diphyllin)
- Weitere stickstoffhaltige Verbindungen: Cyanogene Glycoside
- Protease-Inhibitoren: Phytinsäure
Es ist jedoch zu beachten, dass die Zusammensetzung der sekundären Pflanzenstoffe in Leinsamen abhängig von Sorte,27 Erntezeitpunkt und Anbaubedingungen variieren kann. Daher sind Mengenangaben nur begrenzt sinnvoll und höchstens grob zu verstehen.
Leinsamen sind besonders reich an Lignanen (bis zu 0,7-1,5 % des Trockengewichts) und Phenolsäuren, die beide als starke Antioxidantien wirken. Ferulasäure ist die dominante Phenolsäure mit rund 54 mg/100g; Secoisolariciresinol-Diglucosid (SDG) mit Konzentrationen von 610 bis 1300 mg/100g das Hauptlignan.26
Studien untersuchten insbesondere die positiven Wirkungen auf Diabetes, hormonabhängige Krebserkrankungen und Osteoporose.27 Die Supplementierung mit Leinsamen reduzierte in einer Studie bei Personen mit Typ-2-Diabetes und Prädiabetes den Blutzuckerspiegel. In vorklinischen Studien weist das Lignan SDG bei Tieren mit Typ-1-Diabetes eine blutzuckersenkende Wirkung auf. Ob eine Supplementierung mit SDG oder mit Leinsamen die Blutzuckerkontrolle bei Menschen mit Typ-1-Diabetes verbessert, erfordert weitere Forschungen.16
Leinsamen-Lignane (Phytoöstrogene) ähneln in ihrer chemischen Struktur den Östrogenen. Secoisolariciresinol-Diglucosid (SDG) metabolisiert mit Hilfe der Magen-Darmbiota zu Enterodiol und Enterolacton, die östrogenartige Wirkungen zeigen. Epidemiologische Studien bei postmenopausalen Brustkrebspatientinnen berichten über einen Zusammenhang von Enterolacton mit einem reduzierten Brustkrebsrisiko (bis zu 70 %) sowie einer verringerten Sterblichkeitsrate (bis zu 53 %). Klinische Beweise stützen die schützende Wirkung von Enterolacton bei Darm-, Eierstock, Gebärmutter-, Prostata- und Lungenkrebs. Die beste Wirkung beobachtete man bei einer Menge von 25 g gemahlenen Leinsamen, die allerdings über der empfohlenen täglichen Maximaldosis liegt (siehe nächstes Kapitel).16 Sehr wahrscheinlich hat neben Enterodiol und Enterolacton auch der entzündungshemmende Effekt von Alpha-Linolensäure (ALA) einen Einfluss. Leinöl, das reich an ALA ist, verstärkt die Wirkung von Brustkrebsmedikamenten.16
In einer Studie mit 140 postmenopausalen Frauen verbesserten sich Wechseljahrsbeschwerden durch die Einnahme von Leinsamen. Eine grössere Studie (199 Frauen) mit einer hohen Dosis von 40 g Leinsamen pro Tag zeigte ebenfalls einen Rückgang der Beschwerden, jedoch ohne signifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe. Weitere Forschungen sind zur Bestätigung der Ergebnisse notwendig.16
Gefahren - Unverträglichkeiten - Nebenwirkungen
Leinsamen können die Aufnahme von Arzneimitteln über den Darm beeinträchtigen. Deswegen sollte zwischen dem Verzehr von Leinsamen und der Einnahme von Medikamenten ein zeitlicher Abstand von mindestens zwei bis drei Stunden liegen.8
Enthalten Leinsamen Blausäure? Als natürlichen Pflanzeninhaltsstoff enthalten Leinsamen cyanogene Glycoside. Das ebenfalls in Leinsamen vorkommende Enzym β-Glucosidase führt beim Verzehr zur Aufspaltung der cyanogenen Glycoside und setzt Cyanid frei; bei Cyaniden handelt es sich um die Salze der Blausäure. Durch Erhitzung kann man das Enzym β-Glucosidase teilweise zerstören.2 Während Blausäure in kleinen Mengen die Atmung anregt und die Verdauung fördert, kann es nach der Aufnahme einer entsprechend hohen Dosis zu einer akuten Vergiftung kommen (durch Blockade der Energiegewinnung). Im schlimmsten Fall führt eine Überdosierung zu respiratorischer Insuffizienz (Atemversagen) und zum Tod. Die empfohlene maximale Tagesdosis für Leinsamen (siehe nächste Abschnitte) stellt aber keinerlei Gesundheitsgefahr dar.2,4
Enthalten Leinsamen Cadmium? Ölsaaten wie Leinsamen können Cadmium aus dem Boden aufnehmen. Gehalte über 1 mg/kg an Cadmium sind keine Seltenheit. Um sicherzugehen, dass Sie nicht zu viel Cadmium aufnehmen, sollten Sie laut Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin nicht mehr als 20 g Leinsamen pro Tag essen.11
Über maximale Verzehrmengen sind sich WissenschaftlerInnen uneinig. Manche stufen einen Verzehr von 50 g Leinsamen pro Tag beim Menschen als unbedenklich ein.20 Gelegentlich höhere Mengen zu konsumieren, ist vermutlich unbedenklich; wir empfehlen in Anlehnung an öffentliche Höchstwerte,2,11 langfristig 20-25 g pro Tag nicht zu überschreiten.
Kann man Leinsamen während der Schwangerschaft essen? Es liegen keine ausreichenden Beweise für die Sicherheit von Leinsamen in der Schwangerschaft vor. Offizielle Schwangerschaftsratgeber legen nahe, pro Tag nicht mehr als einen Esslöffel einzunehmen25 - oder wollen sich auf keine exakten Mengen festlegen. Wir empfehlen, maximal 15 g Leinsamen pro Tag zu essen. Studien an Ratten zeigen, dass der Konsum von Leinsamen während der Schwangerschaft und Stillzeit unerwünschte Auswirkungen auf die reproduktive Entwicklung der Nachkommen hat,9 jedoch sind diese Ergebnisse nicht direkt auf die menschliche Gesundheit übertragbar. Während der Schwangerschaft und der Stillzeit sollte man auf jeden Fall auf Leinöl verzichten, denn es gibt Hinweise, dass Leinöl das Risiko für eine Frühgeburt erhöht.8,25 Bei Verstopfung während der Schwangerschaft kann man auch andere natürliche Mittel wählen - oder man lässt sich von einer Fachperson beraten.
Volksmedizin - Naturheilkunde
Erste Erwähnung finden Leinsamen in den Schriften des Hippokrates um 500 v. Chr. gegen Katarrh, Bauchschmerzen sowie Durchfall. Auch Paracelsus erwähnt den Schleim der Leinsamen als reizmilderndes Hustenmittel.10 Im 8. Jh. führte Kaiser Karl der Grosse die Einnahme von Leinsamen zur allgemeinen Volksgesundheit ein.4
Wofür sind Leinsamen gut? Innerlich eingenommen haben die stark quellfähigen und schleimbildenden Leinsamen eine stuhlregulierende Wirkung. Im Darm kommt es zu einer Vergrösserung des Darminhalts und zu verstärkten Dehnungsreizen und Bewegungsabläufen (Peristaltik). Insgesamt können Leinsamen so die Darmtätigkeit erhöhen und bei chronischer Verstopfung helfen.4 Der schmerzlindernde Effekt kann gereiztes, entzündetes Gewebe im Magen-Darmtrakt beruhigen.3,10 Man behandelt damit auch Gastritis.4
Bei Atemwegserkrankungen (chronische Bronchitis) wirken Leinsamen schleimlösend, bei Husten und Halsschmerzen (Rachenentzündungen) schmerzlindernd.3,4,10
Als Nahrungsergänzung sind Leinsamen bei Menstruationsbeschwerden, Arteriosklerose, Ekzemen und rheumatoider Arthritis (Leinöl) geeignet.4
Für äusserliche Anwendungen weicht man frisch gemahlene Leinsamen in kaltem Wasser ein und verrührt sie zu einem gleichmässigen Brei. Unter ständigem Rühren lässt man den Brei aufkochen und gibt ihn so heiss wie möglich, auf einem Tuch ausgebreitet, auf die zu behandelnde Stelle. Zur besseren Wirkung und Wärmespeicherung kann man den Umschlag mit einem Wolltuch abdecken.10 Breiumschläge können bei Seitenstechen, Koliken, Muskelschmerzen, Prellungen,10 Bronchitis, Rippenfellentzündung, Halsschmerzen, Verbrennungen, Furunkeln und Geschwüren helfen. Mit weissem Senf (Sinapis alba) gemischt, eignet sich die Breimasse zur Linderung von Brustbeschwerden; mit Honig und Zitrone gemischt, als Hustenmittel.4
Ökologischer Fussabdruck - Tierwohl
Der ökologische Fussabdruck von Leinsamen hängt u.a. vom Anbau, der Verpackung sowie dem Transport ab. Carbon Cloud beziffert den CO2-Fussabdruck mit 0,99 kg CO2eq/kg für französische Leinsamen.12 Eine deutsche Studie gibt einen Wert von 1,4 kg CO2eq/kg an.15
Der durchschnittliche Wasserverbrauch für Leinsamen beträgt 5168 l/kg. Dies ist weniger als für Sesam (9371 l/kg), aber mehr als für Sonnenblumenkerne (3366 l/kg).21
Ausführliche Erläuterungen zu verschiedenen Nachhaltigkeitsindikatoren (wie z.B. ökologischer Fussabdruck, CO2-Fussabdruck, Wasser-Fussabdruck) lesen Sie in unserem Artikel: Was bedeutet der ökologische Fussabdruck?
Tierschutz - Artenschutz
Lein-Pflanzen tragen zahlreiche Blüten, welche allerdings nur geringe Pollen- und Nektarwerte aufweisen. Daher ist Lein als Bienenweide weniger interessant.14
Weltweites Vorkommen - Anbau
Flachs ist eine uralte Ölsaat und Naturfaserpflanze. Vor 10'000 Jahren kultivierte man Lein in Ägypten, im Irak und in Syrien. Kultivierter Flachs ist eine einjährige Kulturart, während die Wildformen auch zweijährig oder mehrjährig wachsen. Der helle Flachs (Linum bienne Mill.) gilt als wilde Stammform des Kulturflachses (Linum usitatissimum).22
Von Linum usitatissimum kennt man drei gut voneinander unterscheidbare Convarietäten, die man auch heute noch für die Ölsaat und für die Fasern kultiviert.
- Linum usitatissimum convar. elongatum: den hohen, wenig verzweigten, blütenarmen Faser-Lein, der zur Gewinnung von Flachs bzw. Leinen dient.
- Linum usitatissimum convar. mediterraneum: den kleineren, blüten- und früchtereicheren Öl-Lein, den man zur Ölgewinnung und als Futterpflanze anbaut.4
- Linum usitatissimum convar. usitatissimum: Diese Unterart verwendet man für beide Zwecke.22
Laut FAO betrug die Welternte im Jahr 2022 rund 3'973'931 Tonnen. Hauptanbaugebiete waren Russland (1'766'559 t), Kasachstan (845'642 t) und Kanada (473'175 t).17
Anbau - Ernte
Die Lein-Pflanzen mögen es warm und sind frostempfindlich. Ideal ist eine geschützte Lage mit gut durchlässigem, trockenem Boden und einer geringen Stickstoffkonzentration. Die Aussaat erfolgt, je nach Witterung, Ende März bis Anfang April auf Flächen. Als sogenannte Langtagpflanze braucht Lein viel Licht und wächst im Mai und Juni besonders schnell. Öl-Lein benötigt keinen Dünger und nur eine spärliche Wasserzufuhr.13
Öl-Lein eignet sich für den biologischen Anbau. Als Kulturart der Pflanzenfamilie der Leingewächse ist Öl-Lein eine ideale Ergänzung für bestehende Öko-Fruchtfolgen. Die Wahl der Vorfrucht sollte vor allem nach "Unkraut-unterdrückenden" Kriterien erfolgen, da Lein eine geringe Konkurrenzkraft gegenüber Unkraut hat. Aufgrund der starken Selbstunverträglichkeit muss man Anbaupausen von mindestens fünf Jahren einhalten. Ansonsten besteht die Gefahr einer Pilzbildung im Boden, welcher die Jungpflanzen zum Faulen bringt. Diese lange Anbaupause passt gut zu den ohnehin weiten Fruchtfolgen des Ökolandbaus.23
Lein kann man ernten, sobald die Samen beim Schütteln ein "schepperndes" Geräusch erzeugen, ca. 110-120 Tage nach der Aussaat, idealerweise eine Woche vor der Vollreife der Samen.13 Das Ertragspotenzial des Ölleins liegt zwischen 0,5 und 1,5 Tonnen pro Hektar. Der Bestand sollte vor der Ernte gut abgetrocknet sein. Das Erntegut muss man nach der Ernte sofort auf sechs bis acht Prozent nachtrocknen, damit es bei der Lagerung nicht zu Qualitätsbeeinträchtigungen kommt.23
Die steigende Nachfrage nach Bio-Leinsaat aus regionalem Anbau bietet aktuell gute Absatzchancen.23
Weiterführende Informationen
Beim Lein (Linum) bzw. Flachs handelt es sich um eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Leingewächse (Linaceae). Als Leinsamen oder Leinsaat bezeichnet man die Samen des Gemeinen Leins (Linum usitatissimum).
Linola (Marke) ist eine spezielle Züchtung mit nur 2,4 % ALA aus Australien. Diese züchtete man, um ein besonders haltbares Leinöl herzustellen. Vom ernährungsphysiologischen Standpunkt aus ist es jedoch schlechter als 'normales' Leinöl.5
Alternative Namen
Alternativnamen für Leinsamen bzw. die Lein-Pflanze sind Saat-Lein, Leinsaat, Öl-Lein, Echter Lein, Gemeiner Lein, Gebauter Lein, Flachs, Lein sowie Faser-Lein. Gelbe Leinsamen bezeichnet man als Gold-Leinsamen oder Gold-Leinsaat.
Auf Englisch lautet der Name des Leinsamens flaxseed, linseed oder flax seed.
Sonstige Anwendungen
Aus Lein stellt man Linoleumböden und Farbprodukte her. Leinöl verwendet man zudem zur Holz- und Zementbehandlung.1
Literaturverzeichnis - 29 Quellen
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2. | Bundesinstitut für Risikobewertung: Neue Daten aus BfR-Humanstudie: Kein Cyanid-Risiko bei Verzehr von Marzipan und Persipan. 2015. |
3. | Fleischhauer SG, Guthmann J, Spiegelberger R. Essbare Wildpflanzen. 200 Arten bestimmen und verwenden. 3. Auflage. Augsburg; 2013. Verlagsgruppe Weltbild GmbH. |
4. | Bown D. Kräuter. Die grosse Enzyklopädie. Anbau und Verwendung. 2. Auflage. München; 2015. Dorling Kindersly. |
5. | Dribnenki JCP, Green AG. Linola™ '947' low linolenic acid flax. Canadian Journal of Plant Science. 1995;75(1):201-202. |
6. | USDA United States Department of Agriculture. |
7. | Biesalski HK, Grimm P, Nowitzki-Grimm S. Taschenatlas Ernährung. 6. Auflage. Stuttgart; 2015. Georg Thieme Verlag. |
8. | Apotheken Umschau: Heilpflanzen-Lexikon: Leinsamen. |
9. | Tou JCL, Chen J, Thompson LU. Flaxseed and Its Lignan Precursor, Secoisolariciresinol Diglycoside, Affect Pregnancy Outcome and Reproductive Development in Rats. The Journal of Nutrition. 1998;128(11):1861–1868. |
10. | Niederegger O, Mayr C. Heilpflanzen der Alpen. Gesundheit aus der Natur von A bis Z. Innsbruck; Tyrolia-Verlag: 2006. |
11. | Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin: Verbrauchertipps zur Verringerung der Aufnahme unerwünschter Stoffe über Lebensmittel. |
12. | Carbon Cloud: Linseed (flaxseed), France. |
13. | Gartenjournal net: Flachs anbauen: So ziehen Sie Lein im eigenen Garten. 2023. |
14. | Hortipendium de: Bienenweiden. |
15. | Reinhardt G, Gärtner S, Wagner T. Ökologische Fussabdrücke von Lebensmitteln und Gerichten in Deutschland. IFEU Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. 2020;1-22. |
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18. | Codină GG, Mironeasa S. Use of response surface methodology to investigate the effects of brown and golden flaxseed on wheat flour dough microstructure and rheological properties. J Food Sci Technol. 2016;53(12):4149-4158. |
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23. | Ökolandbau de: Ökologischer Ölleinanbau. |
24. | Plantura garden: Leinsamen ernten & verwenden: Wie isst man Leinsamen und wobei helfen sie? |
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